Im Winterland

Gestern stand ich in der Küche und blickte durch das Fenster raus in den grauweissen Himmel.
Hier liegt seit Tagen Schnee und es fallen auch immer wieder neue Flocken.

Der Himmel war wirklich bemerkenswert grauweiss. Er stach richtig ins Auge mit seiner Unauffälligkeit. Für einen Moment kam es mir so vor, als wäre ich in einer grauweissen Welt gefangen. Ich dachte: So muss es sich anfühlen, im Märchen, wenn ewiger Winter ist.

Ihr kennt sicher diese Märchen, in der eine kalte Macht ein Land beherrscht und es gibt dort keine Jahreszeiten mehr. Wie in „Narnia“, ewiger Winter.
Ich stelle es mir so vor, dass die Kinder zunächst noch Freude daran haben, Schneemänner bauen, Schnellballschlachten machen. Ihre Sommerfeste weiterhin feiern, dann halt im Winter. Und dass es dann irgendwann den Reiz verliert und sie sich ein wenig selbst verlieren. So als zöge jeder Blick nach draußen in dieses grauweisse Einerlei ein wenig was von der Wärme in ihnen mit hinausziehen.
Irgendwann besteht der Himmel über dem Märchenland dann aus den erkalteten Gedanken der Wesen unter ihm.

Es war ein seltsamer Moment, aber zum Glück ging er schnell vorbei. Ich gehöre selten zu den Wetter-Beschwerern. Ich glaube, man kann sich sein Leben fast nicht schneller mies reden, als durch das Wetter – beeinflussen kann es niemand von uns und die Laune von ihm abhängig zu machen ist eigentlich schon fast selbstverletztend. Ich freue mich auf den Frühling, sehr sogar. Aber bis dahin habe ich weiter den Schnee lieb. Bleibt mir doch eh nichts anderes über und lieb haben hat schon immer gegen vieles geholfen.

Journalistin: „Sie bekommen oft Post von Kindern. Wovon handeln diese Briefe?“

Maurice Sendak:

Sie sind oft ganz grauenvoll, weil die Kinder nicht aus eigenem Antrieb schrieben. Manche schon, aber meistens liest es sich so: „Lieber Mister Sendak, unserer Lehrerin fragt, ob Sie uns ein paar kostenlose Bücher und ein paar Zeichnungen schicken können?“ Wenn Kinder aus eigenem Antrieb schreiben, können sie grausam sein. Nach „Als Papa fort war“, das ich von all meinen Büchern am liebsten mag, schrieb mir ein kleines Mädchen aus Kanada: „Ich mag alle Bücher, die Sie geschrieben haben, aber warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Es ist das erste Buch, das ich hasse. Ich hasse die ganzen Babys in dem Buch, warum sind die alle nackt? Ich hoffe, Sie sterben bald. Mit freundlichen Grüßen…“ Ihre Mutter legte einen Zettel dazu: „Ich wusste nicht, ob ich Ihnen das überhaupt schicken soll. Ich hoffe, Ihre Gefühle sind nicht verletzt.“ Dabei habe ich mich sehr über den Brief gefreut. Er so spontan und so echt.

 

Journalistin: Sie finden die ungeschminkte Wahrheit tröstlich – sogar, wenn sie schmerzhaft ist?

Maurice Sendak:

Wenn es die Wahrheit ist, dann ist es egal, ob sie schmerzhaft ist. Denn die meisten Kinder trauen sich gar nicht, die Wahrheit zu sagen. Kinder sind meistens so wahnsinnig höflich. Deshalb ist so ein Brief so wundervoll: „Ich hoffe, Sie sterben bald.“ Ich hätte ihr zurückschreiben sollen: „Schätzchen, das werde ich bald. Nur ein bisschen Geduld!“

Leben lernen

Was mache ich nun mit den ganzen Lücken, die sich in meinem Leben aufgetan haben, die mich stolpern liessen bis ich in dieser Depression gelandet bin?

Füllen, sagt mein Bauch. Dieser Tage gehe ich eine neue Lücke an: Was-mach-ich-wenn.

Leider konnte ich nicht lernen, was in Ausnahmesituationen zu tun ist bzw. wie man in ihnen einen klaren Kopf behält.
Ich könnte angesichts des Todes eines mir wirklich wichtigen Menschen voll funktionieren und alles Notwendige planen- weiss aber nicht, was ich tun soll, wenn ich krank werde. Wie man normale Bekanntschaften pflegt. Wieviel muss ich aufräumen wenn Besuch kommt? Wenn es mir so viel Druck macht, kann ich bei Freunden nicht auch nur die 2 Zimmer schön machen, die wir nutzen?

Also schreibe ich nun Listen.
Was mache ich, wenn ich erkältet bin? Wann nehme ich Medikamente und welche? Und was mache ich, wenn sie zu den Mahlzeiten eingenommen werden sollen, aber ich nichts essen mag?

Wie schont man sich? Was ist dann erlaubt und woran merke ich, wie es mir geht?

Mag für einige total sinnfrei klingen, mir gibt es endlich etwas Selbstständigkeit, Klarheit, Sicherheit. Wenn jemand zu Besuch kommt, schaue ich auf die Liste, was ich alles sauber haben möchte, statt ständig neu mit mir zu hadern, ob mein Schlafzimmer ordentlich sein muss.

Seltsame Sache, aber es wirkt 🙂

Ideas, anyone?

Es ist definitiv nicht gesund, den ganzen Tag zu joggen.
Und genauso ist es auch nicht gesund, den ganzen Tag mit seinen Gefühlen im Kontakt zu sein.

Sagte irgendeine Frau im Zeitungsbericht. Leuchtet mir ja ein. Aber wie zum Kuckuck schafft man es, es auch nur 5 Minuten mal nicht zu sein? Ich weiss immer, was ich fühle, was in mir vorgeht. Kann eigentlich in jedem Moment sagen, was gerade da ist. Lange Zeiten habe ich Glück und könnte auf Nachfrage nur berichten, dass ich grad zufrieden summe, in meinem Bauch, quasi.
Aber wäre da was anderes, wäre es mir auch sofort bewusst.
Wie kann man lernen, mal nicht im Kontakt zu den eigenen Gefühlen zu sein?

Versaute Grundsätze oder Warum ich meinen Arbeitsplatz verliess

Hier ein Text, der mir sehr wichtig ist. Er ist der Auslöser für mich gewesen, meine Arbeit zu beenden. Ich war tage-, wochen- und monatelang über meine Grenzen gegangen, hatte versucht, mich mit einem System abzufinden, welches auf Macht basiert und hatte mich dabei kaputt gemacht, ohne den Dreh zu bekommen, endlich abzuspringen.
Zuletzt sass ich vor meinem PC und starrte die Tastatur mit den hübschen Zeichen darauf an, ohne zu verstehen, was ich dort sollte.
Dann fiel mir der folgende Texte in die Hände… ich habe ihn abgetippt für diesen Blog, weil ich ihn so wunderbar finde.

„Das Leben- es steckt voller Prüfungen. Zum Beispiel die Führerscheinprüfung, die Gesellenprüfung, die Seepferdchenprüfung. Wir wissen, dass sie uns bevorstehen, wir richten uns darauf ein, unser Bestes zu geben. Aber es gibt natürlich auch Prüfungen, die uns völlig unvorbereitet treffen; Situationen, in denen wir plötzlich unsere ganze Kraft, unseren ganzen Mut brauchen.
Freunde, Christian und Jule, sind jüngst in ein hochherrschaftliches Gründerzeithaus gezogen.
Eine Woche nach dem Einzug haben die beiden ein Baby bekommen. Sie klingelten bei allen Nachbarn, stellten sich und das Baby vor und baten um Verständnis dafür, dass sie ab jetzt ihren Kinderwagen im hochherrschafltichen Eingangsbereich parken würden. Alle reagierten freundlich. Nur Herrn Wagner im Erdgeschoss trafen sie nicht an. Wenig später kam ein Brief von der Hausverwaltung. Es habe Beschwerden über den Kinderwagen gegeben, tatsächlich verbiete die Hausordnung dessen Abstellen im Hausflur.
Christian und Jule nahmen das Baby auf den Arm, setzen, ihr allerfreundlichstes Lächeln auf und klingelten ein weiteres Mal bei Herrn Wagner.
Sie bräuchten sich nicht zu bemühen, sagte der, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, der Kinderwagen müsse weg. „Bitte“, sagte Christian, immer noch lächelnd, „meine Frau kann den Wagen schlecht in den dritten Stock tragen. Selbst wenn Sie, Herr Wagner, stets bereit wären, so lange das Baby zu halten, ist der Wagen zu schwer und vor der Haustür würde er uns gestohlen oder von Hunden angepinkelt werden.“
Darauf hatte Herr Wagner folgende Einwände: Erstens gebe es eine Hausordnung, damit sich alle daran hielten, nicht, damit man Ausnahmen mache. Zweitens habe seine Frau drei Kinder groß gezogen, und zwar unter ganz, ganz anderen Bedingungen, und trotzdem sei es ihr gelungen, niemandem mit Kinderbeförderungsmitteln im Wege zu stehen. Drittens hätten Christian und Jule sich keinen Wagen kaufen dürfen, der so teuer sei, dass man Angst haben müsse, er könne entwendet werden. Und viertens sei doch der Wagen im Hausflug nur der Anfang. Gäbe es hierfür seine Zustimmung, wären dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Morgen lehne dann eine Schaufel an ihm, übermorgen hinge ein Eimer daran, und nächstes Jahr stünde das Laufrad auch noch da.
Christian begriff in diesem Moment, dass der Graben zwischen ihm und Herrn Wagner tief war, so unfassbar tief, dass kein Argument ihn je werde überbrücken können.

„Wissen Sie“, sagte Christian daraufhin, „ich schätze mal, Sie sind Mitte 70. Im Moment machen Sie auf mich einen sehr rüstigen Eindruck. Aber es wird die Zeit kommen, da die Kräfte schwinden. Vielleicht werden Sie eines Tages hier vor Ihrer Tür zusammenbrechen und ich könnte derjenige sein, der Sie findet.“

An dieser Stelle dachte ich, nun spielt er sein vermeintliches Ass aus und will er ihm verbal heimzahlen. Aber mich überraschte der Rest vom Text massiv und traf mich bis ins Mark:

„Was glauben Sie? Werde ich Ihnen helfen? Oder werde ich über Sie hinweg steigen und mich bei der Hausverwaltung beschweren, dass Dinge, die dort nichts zu suchen haben, im Eingangsbereich herumliegen?“
Herr Wagner antwortete nicht.
„Natürlich werde ich Ihnen helfen“, sagte Christian. „Ich lasse mir schließlich nicht von Leuten wie Ihnen meine Grundsätze versauen.“ Dann drehte Christian sich um und stieg mit seiner Frau und dem Baby in den dritten Stock hinauf. Die Wut loderte wild in seinem Bauch, aber er hatte die Prüfung bestanden.
Dann legten sie die Abschrift eines Rechtsurteils in einen Umschlag. Darin heißt es: Kinderwagen dürfen in Hausfluren abgestellt werden, egal, was in der Hausordnung steht.“ (Von Anne Zuber, erschienen als Kolumne in „Schöner Wohnen“

Wie wunderbar. Wie groß. Nicht zurück zu schlagen, sondern so weit darüber zu stehen.

Als ich es las, wurde mir klar: Das ist es. Ich möchte mich nicht ändern, um in ein System zu passen, in das ich nicht passen will. Wenn ich machthungrig, ignorant und intrigant sein muss, um hier mit dem Rest mitzuhalten, dann will ich nicht mithalten. Und wenn es nicht anders geht, dann muss ich eben gehen.
Zu der Zeit war ich allerdings auch schon so weit in meiner Depression, dass ich sowieso nicht mehr arbeiten konnte. Ich hielt mich aus Verantwortungsbewusstsein dort, in der Illusion, so noch denen dort helfen zu können, die auf „der guten Seite der Macht“ standen.
Für die wenigen Tage, an denen ich 2 Stunden von 8 etwas sinnvolles tun konnte.

Dann habe ich endlich meinen bunten Mantel genommen und bin gegangen. Seitdem bin ich krank geschrieben. Mittlerweile hat sich dort vieles geändert. Zum Glück für alle, die noch dort sind, die mir etwas bedeuten. Ob ich dorthin zurück gehe, wenn ich gesund bin, weiß ich nicht. Aber das brauche ich auch heute nicht zu entscheiden.

Wichtig ist mir, gelernt zu haben: Es gibt immer einen anderen Weg. So oft sieht man, wie Menschen hart werden angesichts von kleinen und großen Ungerechtigkeiten. Und es fällt mir schwer, wenn jemand mich angeblafft hat, nicht getroffen zu reagieren, sondern nachzufragen, ob sein oder ihr Tag schlecht war. Und noch schwerer, wenn mich jemand wirklich verletzte. Aber manchmal klappt es.

~Depression~ …

~Depression~

Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.
Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten Angst macht.

Wir fragen uns: Wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert und phantastisch zu nennen?

Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.

Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt.

Es ist nichts Erleuchtendes daran, sich klein zu machen, damit andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen.

Wir sind alle bestimmt zu leuchten, wie es Kinder tun.

Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.

Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem Einzelnen.

Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

(Nelson Mandela)

Seit Monaten habe ich diesen Text hier auf meinem Schreibtisch liegen.
Und heute erst fiel mir auf: Ist das nicht Depression?
Nehme, wer möchte, den Gottesgedanken heraus, aber ist das nicht genau die Angst der Depression, hinter oder neben allem anderen: Großartig zu sein?

Ich fühle mich klein, unbedeutend, dumm und wertlos. Und ich habe Angst, mich etwas anderes zu nennen, Angst, es nicht erfüllen zu können.
Und doch weiß ich, wenn diese Depression vorbei ist, werde ich zumindest wieder wissen, dass ich wertvoll bin und werden darauf aufbauen können, überlegen können, ob ich nicht vielleicht sogar toll sein könnte.
Wenn ich aber doch dann darüber nachdenke – muss es dann nicht heute schon in mir sein?