Startseite » Gedanken-Welt » Versaute Grundsätze oder Warum ich meinen Arbeitsplatz verliess

Versaute Grundsätze oder Warum ich meinen Arbeitsplatz verliess

Hier ein Text, der mir sehr wichtig ist. Er ist der Auslöser für mich gewesen, meine Arbeit zu beenden. Ich war tage-, wochen- und monatelang über meine Grenzen gegangen, hatte versucht, mich mit einem System abzufinden, welches auf Macht basiert und hatte mich dabei kaputt gemacht, ohne den Dreh zu bekommen, endlich abzuspringen.
Zuletzt sass ich vor meinem PC und starrte die Tastatur mit den hübschen Zeichen darauf an, ohne zu verstehen, was ich dort sollte.
Dann fiel mir der folgende Texte in die Hände… ich habe ihn abgetippt für diesen Blog, weil ich ihn so wunderbar finde.

„Das Leben- es steckt voller Prüfungen. Zum Beispiel die Führerscheinprüfung, die Gesellenprüfung, die Seepferdchenprüfung. Wir wissen, dass sie uns bevorstehen, wir richten uns darauf ein, unser Bestes zu geben. Aber es gibt natürlich auch Prüfungen, die uns völlig unvorbereitet treffen; Situationen, in denen wir plötzlich unsere ganze Kraft, unseren ganzen Mut brauchen.
Freunde, Christian und Jule, sind jüngst in ein hochherrschaftliches Gründerzeithaus gezogen.
Eine Woche nach dem Einzug haben die beiden ein Baby bekommen. Sie klingelten bei allen Nachbarn, stellten sich und das Baby vor und baten um Verständnis dafür, dass sie ab jetzt ihren Kinderwagen im hochherrschafltichen Eingangsbereich parken würden. Alle reagierten freundlich. Nur Herrn Wagner im Erdgeschoss trafen sie nicht an. Wenig später kam ein Brief von der Hausverwaltung. Es habe Beschwerden über den Kinderwagen gegeben, tatsächlich verbiete die Hausordnung dessen Abstellen im Hausflur.
Christian und Jule nahmen das Baby auf den Arm, setzen, ihr allerfreundlichstes Lächeln auf und klingelten ein weiteres Mal bei Herrn Wagner.
Sie bräuchten sich nicht zu bemühen, sagte der, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, der Kinderwagen müsse weg. „Bitte“, sagte Christian, immer noch lächelnd, „meine Frau kann den Wagen schlecht in den dritten Stock tragen. Selbst wenn Sie, Herr Wagner, stets bereit wären, so lange das Baby zu halten, ist der Wagen zu schwer und vor der Haustür würde er uns gestohlen oder von Hunden angepinkelt werden.“
Darauf hatte Herr Wagner folgende Einwände: Erstens gebe es eine Hausordnung, damit sich alle daran hielten, nicht, damit man Ausnahmen mache. Zweitens habe seine Frau drei Kinder groß gezogen, und zwar unter ganz, ganz anderen Bedingungen, und trotzdem sei es ihr gelungen, niemandem mit Kinderbeförderungsmitteln im Wege zu stehen. Drittens hätten Christian und Jule sich keinen Wagen kaufen dürfen, der so teuer sei, dass man Angst haben müsse, er könne entwendet werden. Und viertens sei doch der Wagen im Hausflug nur der Anfang. Gäbe es hierfür seine Zustimmung, wären dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Morgen lehne dann eine Schaufel an ihm, übermorgen hinge ein Eimer daran, und nächstes Jahr stünde das Laufrad auch noch da.
Christian begriff in diesem Moment, dass der Graben zwischen ihm und Herrn Wagner tief war, so unfassbar tief, dass kein Argument ihn je werde überbrücken können.

„Wissen Sie“, sagte Christian daraufhin, „ich schätze mal, Sie sind Mitte 70. Im Moment machen Sie auf mich einen sehr rüstigen Eindruck. Aber es wird die Zeit kommen, da die Kräfte schwinden. Vielleicht werden Sie eines Tages hier vor Ihrer Tür zusammenbrechen und ich könnte derjenige sein, der Sie findet.“

An dieser Stelle dachte ich, nun spielt er sein vermeintliches Ass aus und will er ihm verbal heimzahlen. Aber mich überraschte der Rest vom Text massiv und traf mich bis ins Mark:

„Was glauben Sie? Werde ich Ihnen helfen? Oder werde ich über Sie hinweg steigen und mich bei der Hausverwaltung beschweren, dass Dinge, die dort nichts zu suchen haben, im Eingangsbereich herumliegen?“
Herr Wagner antwortete nicht.
„Natürlich werde ich Ihnen helfen“, sagte Christian. „Ich lasse mir schließlich nicht von Leuten wie Ihnen meine Grundsätze versauen.“ Dann drehte Christian sich um und stieg mit seiner Frau und dem Baby in den dritten Stock hinauf. Die Wut loderte wild in seinem Bauch, aber er hatte die Prüfung bestanden.
Dann legten sie die Abschrift eines Rechtsurteils in einen Umschlag. Darin heißt es: Kinderwagen dürfen in Hausfluren abgestellt werden, egal, was in der Hausordnung steht.“ (Von Anne Zuber, erschienen als Kolumne in „Schöner Wohnen“

Wie wunderbar. Wie groß. Nicht zurück zu schlagen, sondern so weit darüber zu stehen.

Als ich es las, wurde mir klar: Das ist es. Ich möchte mich nicht ändern, um in ein System zu passen, in das ich nicht passen will. Wenn ich machthungrig, ignorant und intrigant sein muss, um hier mit dem Rest mitzuhalten, dann will ich nicht mithalten. Und wenn es nicht anders geht, dann muss ich eben gehen.
Zu der Zeit war ich allerdings auch schon so weit in meiner Depression, dass ich sowieso nicht mehr arbeiten konnte. Ich hielt mich aus Verantwortungsbewusstsein dort, in der Illusion, so noch denen dort helfen zu können, die auf „der guten Seite der Macht“ standen.
Für die wenigen Tage, an denen ich 2 Stunden von 8 etwas sinnvolles tun konnte.

Dann habe ich endlich meinen bunten Mantel genommen und bin gegangen. Seitdem bin ich krank geschrieben. Mittlerweile hat sich dort vieles geändert. Zum Glück für alle, die noch dort sind, die mir etwas bedeuten. Ob ich dorthin zurück gehe, wenn ich gesund bin, weiß ich nicht. Aber das brauche ich auch heute nicht zu entscheiden.

Wichtig ist mir, gelernt zu haben: Es gibt immer einen anderen Weg. So oft sieht man, wie Menschen hart werden angesichts von kleinen und großen Ungerechtigkeiten. Und es fällt mir schwer, wenn jemand mich angeblafft hat, nicht getroffen zu reagieren, sondern nachzufragen, ob sein oder ihr Tag schlecht war. Und noch schwerer, wenn mich jemand wirklich verletzte. Aber manchmal klappt es.

4 Kommentare zu “Versaute Grundsätze oder Warum ich meinen Arbeitsplatz verliess

  1. Wow!

    Christian ist deutlich weiter mit seinen Grundsätzen als ich es bin. Ich hätte es Herrn Wagner heimzuzahlen versucht – und dann eskaliert das Böse weiter.

    Was Du sagst, sehe ich genauso: ich will nicht nach diesen Regeln spielen. Aber es kostet mich eine Menge Kraft, mich immer wieder daran zu erinnern, dass es meine Maßstäbe sind, nach denen ich leben will, und nicht die einer gesellschaft, in der einiges nicht stimmt.

  2. Liebes Fräulein Moorks! Ich habe auch meinen Job hingeschmissen, weil es einfach nicht mehr ging, und nach der Kündigung ging es auch erstmal nicht. Es hat gedauert, bis ich meinen Weg gefunden habe, aber hätte ich so weitergemacht wie damals, wäre ich heute in der Klappse. Oder ganz woanders. Hab Mut! Ich war auch lange krank geschrieben und es braucht einfach Zeit, bis man erkennt wo man hin will.

    Die Geschichte in deinem Beitrag hat mich sehr berührt. Hab ich gleich bei meinem depperten Nachbarn angewandt! 😉

  3. Auch mich quälten die Fragen, ob ich auch machthungrig und intolerant werden muss, um anzukommen. Aber das bin doch nicht ich! Wenn ich 2 Stunden am Tag etwas gemacht habe, war das viel. Und dann kam der Zusammenbruch. In einem Telefonat erkannte ich: Egal, was ich mache/sage, es wird ein ewiger Kampf sein. Und ich bin nicht mehr stark genug, ihn zu führen.
    Noch einmal: Danke für den schönen Blog.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s