Journalistin: „Sie bekommen oft Post von Kindern. Wovon handeln diese Briefe?“

Maurice Sendak:

Sie sind oft ganz grauenvoll, weil die Kinder nicht aus eigenem Antrieb schrieben. Manche schon, aber meistens liest es sich so: „Lieber Mister Sendak, unserer Lehrerin fragt, ob Sie uns ein paar kostenlose Bücher und ein paar Zeichnungen schicken können?“ Wenn Kinder aus eigenem Antrieb schreiben, können sie grausam sein. Nach „Als Papa fort war“, das ich von all meinen Büchern am liebsten mag, schrieb mir ein kleines Mädchen aus Kanada: „Ich mag alle Bücher, die Sie geschrieben haben, aber warum haben Sie dieses Buch geschrieben? Es ist das erste Buch, das ich hasse. Ich hasse die ganzen Babys in dem Buch, warum sind die alle nackt? Ich hoffe, Sie sterben bald. Mit freundlichen Grüßen…“ Ihre Mutter legte einen Zettel dazu: „Ich wusste nicht, ob ich Ihnen das überhaupt schicken soll. Ich hoffe, Ihre Gefühle sind nicht verletzt.“ Dabei habe ich mich sehr über den Brief gefreut. Er so spontan und so echt.

 

Journalistin: Sie finden die ungeschminkte Wahrheit tröstlich – sogar, wenn sie schmerzhaft ist?

Maurice Sendak:

Wenn es die Wahrheit ist, dann ist es egal, ob sie schmerzhaft ist. Denn die meisten Kinder trauen sich gar nicht, die Wahrheit zu sagen. Kinder sind meistens so wahnsinnig höflich. Deshalb ist so ein Brief so wundervoll: „Ich hoffe, Sie sterben bald.“ Ich hätte ihr zurückschreiben sollen: „Schätzchen, das werde ich bald. Nur ein bisschen Geduld!“

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