Ein Arsch im Bett

Bin gestern bis zwei Uhr nicht eingeschlafen. Hab gelesen. Der Enar auch, auf seinem Computerdingsda. Ich mit Licht. Und Seiten aus Papier.

Um zwei hat er dann beschlossen, dass er nun mal Licht ausmacht.
Warum wir beide noch nicht müde sind, frage ich ihn.
Das weiß er auch nicht, sagt er und klingt doch etwas müde.

Mein Mann wird zickig, wenn er müde wird. Oder Hunger hat. Oder beides.

Es könnte ja daran liegen, dass ich so lange das Licht angehabt habe, meint er und dreht sich zu mir um. Sieht meinen Gesichtsausdruck (Wer von uns zweien hat sonst nachts immer lange noch sein Computerdingsdalicht an?!), erkennt seinen Fehler und will schnell thematisch umschwenken. Ich muss grinsen.
Warum ich mit so einem unglaublich selbstgerechten Arsch verheiratet bin, frage ich ihn daraufhin interessiert, aber nicht sonderlich ernst gemeint.

Weil er ja nicht immer ein Arsch sei, sagt er und kuschelt sich zufrieden ins Bett.

Stimmt.
Außerdem riecht sein Schlafanzug wirklich richtig gut.

Forever 18

Ich habe Bilder von Dir im Internet gefunden. Dein Haaransatz ist nach oben gerutscht, um einige Zentimeter. Um einige viele. Ich habe mich gefreut, weil es Dir nicht steht. Du trägst noch immer schwarz und das wiederum steht Dir, natürlich.
Dein Gesicht hat diesen Charme verloren, den Du damals hattest. Den Ausdruck von kesser Gewissheit, dass Du mit deinen Gaunereien durchkommst.

Ich suche in den Fotos nach den Spuren von damals. Danach, was diese vielen Jahre mit Dir gemacht haben, mit uns gemacht haben.
Ich versuche Kleinigkeiten auszumachen. Der hochgezogene Mundwinkel im Bild unten rechts? Die gehobene Augenbraue? War es so? Sahst Du so aus?

Du stehst dort so erwachsen.

Als ich in der Reha war, gab es einen Gedanken, der mir geholfen hat, weiter zu machen, auch wenn alles blöd war. Es gab so einige Situationen, in denen ich nicht mehr mitmachen wollte. Weil es mir zu kindisch war. Weil ich nicht sinnlos im Kreis gehen und die Beine heben wollte, nur weil das dort als Sport gilt.
Weil ich kein Typ für Kneipengänge bin, keinen Alkohol trinke und die meisten coolen Dinge einfach verdammt dämlich finde.
Aber der Gedanke war:

Wenn Du etwas willst, was Du noch nie gehabt hast,

musst Du etwas tun, was Du noch nie getan hast.

 

Keine Ahnung, von wem er stammt, aber der kluge Kopf hatte Recht. Und das gilt nicht nur für große Aktionen, große Schritte. Auch im kleinen. Etwas mitmachen, was man für sinnlos hält, weil es einen vielleicht doch weiter bringt. Eine neue Verhaltensweise ausprobieren, auch wenn sie sich blöd anfühlt, weil die alte ja bisher auch nicht so sonderlich erfolgreich war.
Etwas anders tun. Oder etwas sein lassen.

… Peter.

Immer wieder fährt der Kerl im zweiten Gang an, nein dies ist kein LKW!
Dies hier ist mein „heilix Blechle“, das ist Absicht, weil er weiß, das tut mir weh
Und dann diese fiese Eigenschaft, den Tank bis auf den Boden leerzufahr’n!
Und das geht nicht erst seit gestern, nein, so quält er mich seit über zwanzig Jahr’n!
Und aus einem Füllhorn von Unarten denkt er täglich neue für mich aus
Aber dann wenn ich ihn wirklich brauche, na?! – Dann wächst er über sich hinaus
(…)
Er zerfleddert dir die Zeitung, und beim Essen nimmt er stets das größte Stück
Und was immer du ihm borgst, schenk‘ es ihm gleich, du kriegst es eh‘ nicht mehr zurück
Doch wenn ich heut‘ frag‘: „Holst du mich morgen am Ende der Welt ab?“, sagt er „Ja“
Keine Fragen, keine langen Reden und kein Zweifel, er ist einfach da.
(…)
Und er kleckert und er krümelt, eine Nahrungsmittelspur säumt seinen Weg
Und Tabletten und Disketten, auch schon mal ein Geldschein oder ein Beleg
Kleidungsstücke und Gerödel, vieles schon nicht mehr identifizierbar
Ja da Sprichwort sagt zu Recht: „Mein Gott, das sieht ja aus als ob Peter hier war!“
Und wer lässt den alten Kaffeefilter immer drin und die Milchflasche auf?
Und die Tassen im Waschbecken, und ein Teebeutel verstopft den Überlauf!
Und es tröpfelt in meinem
Schuh, da gibt’s nur einen
Täter

Peter
Eine Art Obelix
Dir kann eigentlich nix
Mehr passier’n – oder fast
Wenn du so ’nen Freund hast!
(R.Mey – Peter)

Ich habe regelmäßig einen Ohrwurm von diesem feinen Stück Musik. Nicht nur wegen der bestechenden Melodie, sondern auch wegen der Emotionsmischung:
Ein Schweinehund, wie er im Buche steht, dieser gute Freund.
Und wahrscheinlich ist es so, dass Menschen einfach wahnsinnig unterschiedlich sind. Und wir alle gute und schlechte Eigenschaften haben. Und manchmal sind die nervigen sehr präsent, wie auch der verehrte Blogger im Reblog-Beitrag schon schrieb. Dann sind es Menschen, die wahnsinnig nerven können. Oder gezielt immer wieder sticheln mit ihrem Verhalten.
Aber die Hauptsache ist, dass sie da sind, wenn man sie wirklich braucht. Dann hält man eine Menge vom Rest aus.
Nur: mehr als eine solcher Personen braucht man dann auch nicht im Leben, zum Glück tragen die meisten Menschen ihre Eigenschaften gut gemischt mir sich herum 😉

Der Peter.

Das erinnert mich doch an…

Disputnik

Die Musikkassette war noch an der Macht, man sprach aber immer häufiger von der CD, und einige davon standen auch bereits in den Läden. Wir waren damals Kinder und hatten keine Ahnung von diesen seltsamen Silberscheiben, keiner wusste viel darüber, keiner außer Peter. Der Peter. Die CD, die sei im Innern flüssig, belehrte er uns, und wenn man sie aufrecht hinstelle, würde diese Flüssigkeit nach unten laufen und die CD somit kaputt gehen. Zwar zweifelten wir seine Argumentation an, denn in den Verkaufsregalen stand jede einzelne CD in eben dieser von ihm als verhängnisvoll beschriebenen Stellung, was wenig sinnvoll anmutete. Doch wir wussten es selbst nicht wirklich besser, also widersprachen wir dem Peter nicht.

Der Peter. Seine ganze Familie badete ein Mal pro Woche, jeweils am Samstag, alle im gleichen Wasser, und wenn der Peter als zweitjüngstes Kind in die Wanne stieg, war das Wasser längst kalt. Ihn störe das…

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Mein und Dein

Heute wurde mir mein Handy geklaut. Ärgerlich genug, natürlich.

Was mich aber grad am meisten irritiert:

Das war MEINS. MEINS und DEINS lernt man schon im Kindergarten auseinander zu halten. Mir ist klar, dass es Menschen gibt, die sich über den Unterschied völlig hinweg setzen. Die das Ding verticken und dafür dann Drogen kaufen. Die es verticken und dann cooler sind. Die es verticken und was-auch-immer-tun.
Und ich bin mir sicher, ihnen allen geht es schlechter als mir. Denn wer so wenig den Unterschied kennt zwischen Dein und Mein – oder ihn nicht achtet, der muss per se ein trauriges Leben haben, egal, für wie cool er sich hält.
Aber auch wenn ich es mir wer-weiss-wie-gut erklären kann, bleibt doch bei mir ein Gefühl von:

Hey! Das war MEINS! 
Sowas.
Nun erst mal sparen.

Heute schon gesessen?

Hier auf dem Land gibt es nur einen Pizzamann, der aus der nächsten Stadt bis zu uns liefert.
Aber: Wunder geschehen! Heute hatte unser Lieblings- (weil einziger)Lieferant zu und ich habe nochmal im Netz nach anderen geguckt. Siehe da, ein neuer Pizzadienst in Stadt-auf-der-anderen-Seite!

Überrascht rufe ich an und frage, ob sie auch zu uns ins Dorf liefern und erfahre:

Ja, wenn Sie nicht im Knast wohnen.

(Weitere Fragen über den Geisteszustand des Anrufers habe ich mir verkniffen. Hauptsache es gibt Pizza.)

Theresa und ich.

„Du erkennst sie, die Leute.“
–  „Wen erkenne ich?““Die Leute. Du siehst es an ihrem Zögern, wenn sie vor Entscheidungen stehen. An diesem Moment des Zögerns, in dem Du Dich fragst, was zum Kuckuck es da zu überlegen gibt. Sie halten Zwiesprache. Sie holen sich eine Erlaubnis von einem Teil in ihnen, der sie mehr bestimmt, als sie glauben.“

Und dann erzählte mir Theresa von den Menschen, mit denen sie arbeitet. Erwachsene, die irgendwann in ihrem Leben einen Teil von sich zurück gelassen haben. Einen 4-jährigen Jungen, weil der Vater nicht aus dem Krieg heimkam. Eine 8-jährige, die plötzlich ihre Mutter versorgen musste. Eine 16-jährige, die in ein schlimmes Zugunglück geriet.
All diese Kinder, sagte sie, stehen noch da. Warten darauf, dass ihre Eltern zurück kommen. Dass der Zug nicht vom Gleis abkommt. Dass niemand sie schlägt, missbraucht, niemand stirbt oder von ihnen geht. Sie bleiben dort stehen und sie rufen immer wieder dieselben Sätze und diese Sätze prägen die erwachsenen Versionen ihrer selbst bis heute.

Darum meinen sie, nicht glücklich sein zu dürfen. Darum haben sie Angst im Dunkeln, oder vor Kontrollverlust. Darum werden sie nie wütend oder verlassen sich nie auf andere. Darum sind sie depressiv oder verletzen sich selbst.

Ich fragte Theresa, was man dagegen machten könnte, wie so jemand denn jemals wieder glücklich werden könnte.
Es brauche Zeit, hat sie mir geantwortet. Zeit und Verständnis für sich selbst. Man muss beginnen, zu begreifen, dass nicht das erwachsene Ich gerade Angst hat, die Kontrolle halten will, oder sich verletzen möchte.
Sondern das Ich, welches noch an der Stelle von damals steht. Und man muss begreifen, dass man nun nicht mehr dieses Kind ist. Dass es ein Teil der Persönlichkeit ist, um den man sich kümmern kann und muss, aber dass dieser nicht mehr das eigene Handeln bestimmen muss.

Ungerechtigkeit und Wut

Kennt ihr das auch, dass ihr völlig gelähmt seid, wenn ihr wütend werdet und keinen Ausweg findet?

Mal gibt es Situationen, wo man mit der entsprechenden Person reden kann, sich aufregen oder beschweren kann. Aber bestimmte Ungerechtigkeiten machen mich unglaublich wütend und dann weiß ich nicht wohin mit den Emotionen…

Sehr unangenehm.

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Weltenrisse

Es gibt Entscheidungen im Leben, die kann man nicht treffen, ohne dabei zu sterben.
Das Leben ist nicht immer schwarz-weiß, es ist sogar in den allermeisten Fällen wahnsinnig bunt und irritierend. Dieses Bunte macht es lebenswert, aber es macht es nicht leichter, die Wege zu finden. Und so stehe ich im Abstand von einigen Jahren immer wieder vor Entscheidungen, die ich nicht treffen kann, ohne dabei zu sterben. Weil keiner der Wege sich gut anfühlt, wenn ich dafür den anderen Weg nicht gehen kann. Weil ich Menschen verletze, egal, was ich tue. Oder weil ich nicht wissen kann, was sich hinter diesen Wegoptionen versteckt und ob ich es nicht bitterlich bereuen werde, diese Strecke gewählt zu haben.

Wenn es sich so schrechlich in mir anfühlt, dass ich weiß, hier gibt es keinen Ausweg, damit es mir schlicht gut geht und alles in Ordnung ist, dann weiß ich, ich muss die alte Fräulein Moorks hinter mir lassen. Ich muss mich für einen Weg entscheiden und habe an dieser Stelle mindestens ein, vielleicht zwei weitere Leben geschaffen.

Als ich damals, zum Ende meiner Jugend, mit dem Narren zusammen war, war das so eine Entscheidung. Ich habe ihn geliebt, leidenschaftlich, brennend, verzehrend. Ich wollte nichts als ihn, ich hätte ihn damals, mit 18, vom Fleck weg geheiratet.
Wir konnten leider nicht zusammen bleiben, so sehr ich ihn geliebt habe – die Gründe spielen jetzt keine Rolle mehr. An dem Tag, an dem ich mich von ihm endgültig trennte, schuf ich die Närrin und das Mädchen, was heute Fräulein Moorks ist.
Die Närrin ließ ich hinter mir. Sie ist weiter mit dem Narren zusammen, ich bin mir sicher, sie sind durchgebrannt und leben heute irgendwo am Meer. Sie sind entweder unglaublich glücklich, mit all der Achterbahnfahrt die so eine intensive Beziehung bedeutet, oder sie haben sich schon längst nach einer langen Zeit von ja-nein-ja-nein getrennt. Sie haben intensiv gelebt, bisher.

Die, die heute Fräulein Moorks ist, ist weitergegangen. Sie hat noch viele andere Variationen erschaffen, Frauen, die heute durch andere Welten gehen und dort neue Variationen von sich erschaffen.

Es gibt Tage, da sind die Wände, welche die Welten trennen, unglaublich dünn, ich meine manchmal sogar Risse in ihnen zu spüren. Dann weiß ich wieder genau, wie sich die Närrin damals fühlte. Dann weiß ich, dass sie immer ein Teil von mir sein wird.

Und wenn ich allein auf meinem Schaukelstuhl sitze, frühmorgens, mit einem Tee in der Hand und hinausschaue in die Wildnis unseres Gartenfeldes, dann schmerzen die Risse manchmal. Einzelne. Manche sehr.
Dann erinnere ich mich daran, dass nichts davon fort ist. Jemand lebt all diese Optionen. Irgendwo, in einer anderen Welt, bin ich die Närrin und all die Frauen, die danach kamen.

Ich bereue nichts.