Graue Tante

Die blöde graue Tante war ja wieder mal zum Spontanbesuch gekommen. Hatte in letzter Zeit nur Postkarten bekommen, die ich skeptisch beäugt habe, aber nach kurzem oder längeren rückversichernden Gespräch mit meinen Liebsten dann ins Altpapier geworfen habe.

Nun hat sie sich wieder breit gemacht. Ich bin – wie immer- in Panik verfallen, weil ich gleich einen Dauerbesuch befürchtete.
Aber nichts da, ich decke nicht den Tisch für drei. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt. Ich zeige ihr unmissverständlich, was sie alles *nicht* als Futter bekommt, soll sie doch abreisen.

Mal schauen. Vielleicht brauche ich nur etwas Erholung nach der Grippe und dann fege ich sie zur Tür raus.

Krank sein…

… Ist wie eine Stippvisite zurück in den tiefen Depressionsphasen.
Mich hat’s suf’s Sofa verschlagen mich nem fiesen Infekt.

Sobald ich nicht aufpasse, fange ich an zu grübeln und zergrübele all meine Träume und die Schönheit in der Realität. Erwische ich mich beim Grübeln, meine ich, es ist meine Pflicht, es zu durchdenken, muss ich doch Schlimmeres verhindern, dass ich Mist baue oder riesige Fehler begehe.

Das einzig Gute: es steht zu hoffen, dass ich all das wenn ich wieder fit bin anders sehe.

Hinterrücks angeschlichen…

…hat es sich. Das Gefühl von steigender Sinnlosigkeit, vermischt mit Angst.

Ha! Glaubt diese kleine fiese schwarze Tante ehrlich,  dass ich mich so schnell einwickeln lasse? Bin ich etwa ein Reh dass in ihrer strahlenden schwarzen Kälte gebannt stehen bleibt, auf dass sie mich überrollen kann?
Da setzt Du auf die Falsche,  du hinterlistiges Spinnentier! Ich bin hier, ich bin noch lange nicht am Ende meiner Ideen und werde mir gleich morgen einen Plan machen!

Als ich in der Reha war, gab es einen Gedanken, der mir geholfen hat, weiter zu machen, auch wenn alles blöd war. Es gab so einige Situationen, in denen ich nicht mehr mitmachen wollte. Weil es mir zu kindisch war. Weil ich nicht sinnlos im Kreis gehen und die Beine heben wollte, nur weil das dort als Sport gilt.
Weil ich kein Typ für Kneipengänge bin, keinen Alkohol trinke und die meisten coolen Dinge einfach verdammt dämlich finde.
Aber der Gedanke war:

Wenn Du etwas willst, was Du noch nie gehabt hast,

musst Du etwas tun, was Du noch nie getan hast.

 

Keine Ahnung, von wem er stammt, aber der kluge Kopf hatte Recht. Und das gilt nicht nur für große Aktionen, große Schritte. Auch im kleinen. Etwas mitmachen, was man für sinnlos hält, weil es einen vielleicht doch weiter bringt. Eine neue Verhaltensweise ausprobieren, auch wenn sie sich blöd anfühlt, weil die alte ja bisher auch nicht so sonderlich erfolgreich war.
Etwas anders tun. Oder etwas sein lassen.

Nachgedanken zum Post von gestern

Es gibt so viele Dinge zu lernen, so vieles zu verstehen. Und es läuft doch alles auf eines heraus: Sei. Du. Selbst.

Alles andere kommt – von selbst.

Wenn Du erst mal weg kommst von Deinem Anspruch, das jeder Dich bitte mögen soll, wirst Du vielleicht sehen, wie viele Dich nicht nur mögen, sondern lieben. Und dass Du all die enttäuschst, die wirklich *Dich* meinen, wenn sie mit Dir reden, wenn Du nur immer versuchst, perfekt zu sein. Jemand anders zu sein.

Man muss mutig sein, um ein „Selbst“ zu sein.
Aushalten, dass jemand Dich mal falsch versteht. Eine andere Meinung haben, auch wenn es jemanden trifft. Man muss sogar lernen, auszuhalten, die, die man am wenigsten verletzen möchte, zu verletzen, wenn es sein muss.

Sich ständig verbiegen, um Menschen zu schützen, zu schonen, zu unterstützen, verbiegt unsere Rücken. Es bereitet uns auf Dauer Schmerzen, die wir aushalten, weil wir meinen, dass es für ein „höheres“ Gut ist. Weil wir schützen wollen. Weil doch jemand bestimmtes sonst…
Und so kommen wir nie voran. Und auch die, die wir schützen kommen nicht voran. Es mag sogar Menschen geben, die ohne das, was wir tun, fallen.
Aber nur wer fällt, kann lernen, aufzustehen und wieder allein zu stehen.

Rein in die Versenkung, raus aus der Versenkung

Nun war ich doch für einige Wochen untergetaucht.

Ich war für mehrere Wochen bei seltsamen Menschen, die dafür sorgen wollten, dass ich wieder arbeiten kann.
Danach war ich einige Wochen noch allein beim seltsamen Fräulein Moorks, um mich davon zu erholen, dass seltsame Menschen mich gemeinwohltauglich machen wollten.

Nun bin ich wieder da und so langsam auch wieder bereit, meine Seltsamkeiten in die Welt hinaus zu posaunen. Oder zumindest in die kleine virtuelle hier vor meinen Händen.

Was ich gelernt habe aus dem ganzen Quatsch?
Folgt hier in den nächsten Tagen.
Schön, zurück zu sein.

Fräulein Moorks

Leben lernen

Was mache ich nun mit den ganzen Lücken, die sich in meinem Leben aufgetan haben, die mich stolpern liessen bis ich in dieser Depression gelandet bin?

Füllen, sagt mein Bauch. Dieser Tage gehe ich eine neue Lücke an: Was-mach-ich-wenn.

Leider konnte ich nicht lernen, was in Ausnahmesituationen zu tun ist bzw. wie man in ihnen einen klaren Kopf behält.
Ich könnte angesichts des Todes eines mir wirklich wichtigen Menschen voll funktionieren und alles Notwendige planen- weiss aber nicht, was ich tun soll, wenn ich krank werde. Wie man normale Bekanntschaften pflegt. Wieviel muss ich aufräumen wenn Besuch kommt? Wenn es mir so viel Druck macht, kann ich bei Freunden nicht auch nur die 2 Zimmer schön machen, die wir nutzen?

Also schreibe ich nun Listen.
Was mache ich, wenn ich erkältet bin? Wann nehme ich Medikamente und welche? Und was mache ich, wenn sie zu den Mahlzeiten eingenommen werden sollen, aber ich nichts essen mag?

Wie schont man sich? Was ist dann erlaubt und woran merke ich, wie es mir geht?

Mag für einige total sinnfrei klingen, mir gibt es endlich etwas Selbstständigkeit, Klarheit, Sicherheit. Wenn jemand zu Besuch kommt, schaue ich auf die Liste, was ich alles sauber haben möchte, statt ständig neu mit mir zu hadern, ob mein Schlafzimmer ordentlich sein muss.

Seltsame Sache, aber es wirkt 🙂

Versaute Grundsätze oder Warum ich meinen Arbeitsplatz verliess

Hier ein Text, der mir sehr wichtig ist. Er ist der Auslöser für mich gewesen, meine Arbeit zu beenden. Ich war tage-, wochen- und monatelang über meine Grenzen gegangen, hatte versucht, mich mit einem System abzufinden, welches auf Macht basiert und hatte mich dabei kaputt gemacht, ohne den Dreh zu bekommen, endlich abzuspringen.
Zuletzt sass ich vor meinem PC und starrte die Tastatur mit den hübschen Zeichen darauf an, ohne zu verstehen, was ich dort sollte.
Dann fiel mir der folgende Texte in die Hände… ich habe ihn abgetippt für diesen Blog, weil ich ihn so wunderbar finde.

„Das Leben- es steckt voller Prüfungen. Zum Beispiel die Führerscheinprüfung, die Gesellenprüfung, die Seepferdchenprüfung. Wir wissen, dass sie uns bevorstehen, wir richten uns darauf ein, unser Bestes zu geben. Aber es gibt natürlich auch Prüfungen, die uns völlig unvorbereitet treffen; Situationen, in denen wir plötzlich unsere ganze Kraft, unseren ganzen Mut brauchen.
Freunde, Christian und Jule, sind jüngst in ein hochherrschaftliches Gründerzeithaus gezogen.
Eine Woche nach dem Einzug haben die beiden ein Baby bekommen. Sie klingelten bei allen Nachbarn, stellten sich und das Baby vor und baten um Verständnis dafür, dass sie ab jetzt ihren Kinderwagen im hochherrschafltichen Eingangsbereich parken würden. Alle reagierten freundlich. Nur Herrn Wagner im Erdgeschoss trafen sie nicht an. Wenig später kam ein Brief von der Hausverwaltung. Es habe Beschwerden über den Kinderwagen gegeben, tatsächlich verbiete die Hausordnung dessen Abstellen im Hausflur.
Christian und Jule nahmen das Baby auf den Arm, setzen, ihr allerfreundlichstes Lächeln auf und klingelten ein weiteres Mal bei Herrn Wagner.
Sie bräuchten sich nicht zu bemühen, sagte der, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, der Kinderwagen müsse weg. „Bitte“, sagte Christian, immer noch lächelnd, „meine Frau kann den Wagen schlecht in den dritten Stock tragen. Selbst wenn Sie, Herr Wagner, stets bereit wären, so lange das Baby zu halten, ist der Wagen zu schwer und vor der Haustür würde er uns gestohlen oder von Hunden angepinkelt werden.“
Darauf hatte Herr Wagner folgende Einwände: Erstens gebe es eine Hausordnung, damit sich alle daran hielten, nicht, damit man Ausnahmen mache. Zweitens habe seine Frau drei Kinder groß gezogen, und zwar unter ganz, ganz anderen Bedingungen, und trotzdem sei es ihr gelungen, niemandem mit Kinderbeförderungsmitteln im Wege zu stehen. Drittens hätten Christian und Jule sich keinen Wagen kaufen dürfen, der so teuer sei, dass man Angst haben müsse, er könne entwendet werden. Und viertens sei doch der Wagen im Hausflug nur der Anfang. Gäbe es hierfür seine Zustimmung, wären dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Morgen lehne dann eine Schaufel an ihm, übermorgen hinge ein Eimer daran, und nächstes Jahr stünde das Laufrad auch noch da.
Christian begriff in diesem Moment, dass der Graben zwischen ihm und Herrn Wagner tief war, so unfassbar tief, dass kein Argument ihn je werde überbrücken können.

„Wissen Sie“, sagte Christian daraufhin, „ich schätze mal, Sie sind Mitte 70. Im Moment machen Sie auf mich einen sehr rüstigen Eindruck. Aber es wird die Zeit kommen, da die Kräfte schwinden. Vielleicht werden Sie eines Tages hier vor Ihrer Tür zusammenbrechen und ich könnte derjenige sein, der Sie findet.“

An dieser Stelle dachte ich, nun spielt er sein vermeintliches Ass aus und will er ihm verbal heimzahlen. Aber mich überraschte der Rest vom Text massiv und traf mich bis ins Mark:

„Was glauben Sie? Werde ich Ihnen helfen? Oder werde ich über Sie hinweg steigen und mich bei der Hausverwaltung beschweren, dass Dinge, die dort nichts zu suchen haben, im Eingangsbereich herumliegen?“
Herr Wagner antwortete nicht.
„Natürlich werde ich Ihnen helfen“, sagte Christian. „Ich lasse mir schließlich nicht von Leuten wie Ihnen meine Grundsätze versauen.“ Dann drehte Christian sich um und stieg mit seiner Frau und dem Baby in den dritten Stock hinauf. Die Wut loderte wild in seinem Bauch, aber er hatte die Prüfung bestanden.
Dann legten sie die Abschrift eines Rechtsurteils in einen Umschlag. Darin heißt es: Kinderwagen dürfen in Hausfluren abgestellt werden, egal, was in der Hausordnung steht.“ (Von Anne Zuber, erschienen als Kolumne in „Schöner Wohnen“

Wie wunderbar. Wie groß. Nicht zurück zu schlagen, sondern so weit darüber zu stehen.

Als ich es las, wurde mir klar: Das ist es. Ich möchte mich nicht ändern, um in ein System zu passen, in das ich nicht passen will. Wenn ich machthungrig, ignorant und intrigant sein muss, um hier mit dem Rest mitzuhalten, dann will ich nicht mithalten. Und wenn es nicht anders geht, dann muss ich eben gehen.
Zu der Zeit war ich allerdings auch schon so weit in meiner Depression, dass ich sowieso nicht mehr arbeiten konnte. Ich hielt mich aus Verantwortungsbewusstsein dort, in der Illusion, so noch denen dort helfen zu können, die auf „der guten Seite der Macht“ standen.
Für die wenigen Tage, an denen ich 2 Stunden von 8 etwas sinnvolles tun konnte.

Dann habe ich endlich meinen bunten Mantel genommen und bin gegangen. Seitdem bin ich krank geschrieben. Mittlerweile hat sich dort vieles geändert. Zum Glück für alle, die noch dort sind, die mir etwas bedeuten. Ob ich dorthin zurück gehe, wenn ich gesund bin, weiß ich nicht. Aber das brauche ich auch heute nicht zu entscheiden.

Wichtig ist mir, gelernt zu haben: Es gibt immer einen anderen Weg. So oft sieht man, wie Menschen hart werden angesichts von kleinen und großen Ungerechtigkeiten. Und es fällt mir schwer, wenn jemand mich angeblafft hat, nicht getroffen zu reagieren, sondern nachzufragen, ob sein oder ihr Tag schlecht war. Und noch schwerer, wenn mich jemand wirklich verletzte. Aber manchmal klappt es.

~Depression~ …

~Depression~

Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.
Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten Angst macht.

Wir fragen uns: Wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert und phantastisch zu nennen?

Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.

Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt.

Es ist nichts Erleuchtendes daran, sich klein zu machen, damit andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen.

Wir sind alle bestimmt zu leuchten, wie es Kinder tun.

Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.

Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem Einzelnen.

Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

(Nelson Mandela)

Seit Monaten habe ich diesen Text hier auf meinem Schreibtisch liegen.
Und heute erst fiel mir auf: Ist das nicht Depression?
Nehme, wer möchte, den Gottesgedanken heraus, aber ist das nicht genau die Angst der Depression, hinter oder neben allem anderen: Großartig zu sein?

Ich fühle mich klein, unbedeutend, dumm und wertlos. Und ich habe Angst, mich etwas anderes zu nennen, Angst, es nicht erfüllen zu können.
Und doch weiß ich, wenn diese Depression vorbei ist, werde ich zumindest wieder wissen, dass ich wertvoll bin und werden darauf aufbauen können, überlegen können, ob ich nicht vielleicht sogar toll sein könnte.
Wenn ich aber doch dann darüber nachdenke – muss es dann nicht heute schon in mir sein?

Roots

Geboren aus nur einem Samen wachsen wir zum Licht.
Ob wir viel Platz nach rechts und links, wenig Licht oder viel Wasser erhalten, das bestimmen wir vor allem zu Beginn unseres Lebens nicht allein. Was wir mit unseren Möglichkeiten anfangen, bestimmen dafür immer mehr nur wir allein.

Und so bin ich wie viele um mich herum krumm und schief und doch wie wir alle wunderschön gewachsen. Und ob ich so bleiben möchte oder nicht, das entscheide nur ich.
Aber mein Rücken tut mir weh von der gebückten Haltung und meine Blätter erhalten im Sommer nicht genug Licht, um es durch den Winter zu speichern.

Beim letzten Sturm habe ich mich zur Seite geneigt und nun berühren einige meiner Äste bereits den Boden.
Ob ich nachgebe, ob ich die Anstrengung nicht mehr will, habe ich überlegt. Ob ich es nicht selbst verdient habe, meine Zweige nicht freiwillig in den Wind gehalten habe, im Wissen, dass das an den Kräften zehrt. Warum habe ich denn auch ausgerechnet dort einen Trieb spriessen lassen?

Doch nun spüre ich:
Weil das Leben ist.
Den Wind spüren, Triebe wagen, wo sie auch eingehen können, auf der Suche nach Wachstum, nach Licht. Die Äste nicht nur in die Sonne halten, sondern auch in den Wind und den Sturm riskieren.

Und dennoch:
Er muss mich nicht umwerfen. Es ist nötig, so weit am Boden zu sein, wie es ohne das völlige Sterben möglich ist, um zu lernen, was sonst nicht erfahrbar ist:

Welche Deiner Wurzeln sind stark? Welche Zweige sind zu schwer, um sie weiter zu tragen? Welcher Ast möchte viel mehr ins Licht und wo fühlst Du Licht, welches Du noch nie bemerktest?