Roots

Geboren aus nur einem Samen wachsen wir zum Licht.
Ob wir viel Platz nach rechts und links, wenig Licht oder viel Wasser erhalten, das bestimmen wir vor allem zu Beginn unseres Lebens nicht allein. Was wir mit unseren Möglichkeiten anfangen, bestimmen dafür immer mehr nur wir allein.

Und so bin ich wie viele um mich herum krumm und schief und doch wie wir alle wunderschön gewachsen. Und ob ich so bleiben möchte oder nicht, das entscheide nur ich.
Aber mein Rücken tut mir weh von der gebückten Haltung und meine Blätter erhalten im Sommer nicht genug Licht, um es durch den Winter zu speichern.

Beim letzten Sturm habe ich mich zur Seite geneigt und nun berühren einige meiner Äste bereits den Boden.
Ob ich nachgebe, ob ich die Anstrengung nicht mehr will, habe ich überlegt. Ob ich es nicht selbst verdient habe, meine Zweige nicht freiwillig in den Wind gehalten habe, im Wissen, dass das an den Kräften zehrt. Warum habe ich denn auch ausgerechnet dort einen Trieb spriessen lassen?

Doch nun spüre ich:
Weil das Leben ist.
Den Wind spüren, Triebe wagen, wo sie auch eingehen können, auf der Suche nach Wachstum, nach Licht. Die Äste nicht nur in die Sonne halten, sondern auch in den Wind und den Sturm riskieren.

Und dennoch:
Er muss mich nicht umwerfen. Es ist nötig, so weit am Boden zu sein, wie es ohne das völlige Sterben möglich ist, um zu lernen, was sonst nicht erfahrbar ist:

Welche Deiner Wurzeln sind stark? Welche Zweige sind zu schwer, um sie weiter zu tragen? Welcher Ast möchte viel mehr ins Licht und wo fühlst Du Licht, welches Du noch nie bemerktest?